Aus mit der Gutshausatmosphäre, mit Kammern und Bediensteten!
Fr Jon trägt meine Koffer, Reisetasche alle diese 50 kg auf einmal, leicht schwungvoll und packt sie in den Jeep. Wir fahren nur 300 Meter den Huegel hinunter. Dann sendet er mich in mein neues Zuhause in aller Leichtigkeit des Seins.
Christina, three things: 1. If you need something call me and I will try to arrange. 2. Be frank! 3. Be free!
Da stehe ich nun halb traurig, halb froh.
Ein bisschen Wehmut kommt hoch, weil ich mein Maerchenleben aufgeben muss.
Jedoch spüre ich auch ein Stück Eigenständigkeit Freiheit auf mich zukommen. Hier im Haus bin ich Herr, gewinne Freiraum zu etwas Intimität. (Denkste!) Und der dauernde Betrieb und die vielen Gäste im Pfarrhof und das Beobachtet werden von den Arbeitern ist hier nicht gegeben.
Das Gästehaus ist einer von drei nebeneinander errichteten gemauerter Bungalows gegenüber dem Konvent der Benediktinerschwestern gelegen. Es ist umgeben von einem Gemüsegarten und im Inneren großzügig angelegt für Gästegruppen: marmorierte Steinböden, vorne ein großer Wohnraum, rechts ein großer Essbereich, links Lehnstühle um einen Couchtisch, nach hinten ein Gang mit drei Schlafräumen, einem netten Badezimmer und Toilette.
Ich wähle mir ein Zimmer aus, das nach hinten in den Garten und zur Terrasse hinausschaut, zwei Fenster hat und somit hell und freundlich ist und richte mir mein Zimmer ein. So wie sie sind, möchte ich sie nicht belassen, so angefüllt nur mit Betten. Ich schiebe aus den verschiedenen Räumen Möbelstücke in das hintere Zimmer und bin zuletzt recht zufrieden mit dem Ergebnis. Zwei Betten habe ich belassen, eines verwende ich zum Schlafen, das andere als Couch, ein Kasten mit Hänge- und Schrankteil wird mit meinen Kleidungsstücken, ein großer Tisch wird als Schreibtisch für mein Lehrerdasein, ein nettes zierliches Regal für allerlei Bücher, Musik und Krims Krams. Das Kreuz und die Maria von Karli, der hl. Jakobus aus Santiago und die hl. Christina mit den Pfeilen, die doch in Santiago wie Schreibfedern ausgesehen hatten und die Schwester gibt mir ihr Bügeleisen und ihren Kassettenrecorder Wertvoll die paar Bilder von der Familie und am allermeisten Mama´s Adler. Fliege Christina!
Einen ganzen Nachmittag bin ich beschäftigt mit Putzen und Einrichten und Lutigate und die Schwestern bestaunen meine Kraft als ich das Bett in das andere Zimmer schiebe und den Kasten in meines.
Afrika – Nichts geht heute! Breakdown! Frust! 22. Sept.05
Ich will in Ruhe frühstücken. - Eine Gruppe Italiener bevölkert das Haus.
Ich will mich duschen. – Das Wasser kommt gar nicht und dann nur aus drei Löchern.
Ich will mir die Haare waschen. - Das Wasser ist kalt.
Ich will Wäsche waschen. – In die kleine Risswunde darf keine Verunreinigung.
Ich will am Computer arbeiten. – Es gibt keinen Strom.
Ich will ein SMS schicken. – Es gibt keine Verbindung.
Ich will im Auto in die Freiheit fahren. – Es gibt kein Fahrzeug für mich.
Ich will private Intimsphäre. – Die Köchin rumort in der Küche herum. kocht mein Essen.
Ich will nichts essen. – Es wird für mich gekocht.
Ich will allein spazieren gehen. – Ein Mädchen will mich begleiten.
Ich will an einen unentdeckten Ort. – Sie wollen wissen, wo ich hingehe.
Ich will anonym sein. – Die weiße Frau beobachtet jeder.
Ich will frei sein. – Meine Zeit wird eingeteilt.
2. Sonntagsmesse - so viele Menschen - Dauer 1,5 Stunden
7.30 Uhr. Ich nehme in der Mitte Platz. Langsam füllt sich die Kirche. Mit dem Zurechtkommen nimmt man es nicht so genau, bis zur Predigt wird die Kirche angefüllt sein bis auf den letzten Sitz.
Etwa 1000 Menschen haben Platz. Eng zusammengerückt! Ich zähle 40 Sitzreihen bis hinten, mal zwei auf jeder Seite und je 12 Menschen. Vorne die Kinder, sicher dreihundert, hinten die Männer und die Frauen. Es ist erstaunlich wie diszipliniert und ruhig hier alles abläuft. Ich weiß nicht, wie viele Mütter ihr Baby am Rücken in ein Tuch gebunden mittragen, aber man hört einfach kein Kindergeschrei. Aufseher halten die Kinder an zusammenzurücken und ruhig zu sitzen. Da ist man nicht zimperlich. Wer nicht spurt, wird schon einmal hart angefasst. Schockiert nehme ich zur Kenntnis, dass der Aufseher einem Buben, der nicht und nicht Ruhe geben will in den Rücken boxt. Weiterrücken müssen sie und still sein. Da wird nicht rumgefackelt auf kindgerecht, sie haben sich einzufügen in den Ablauf der Messe und wenn sie noch so lange dauert. Und sie tun es!
Obwohl es eine katholische Messe ist, ist mir alles fremd. Am Beginn knien wir lange betend. Gemurmel im Rosenkranzton und ich frage mich welches Gebet es wohl ist, das wir hier sprechen. Ich bin sowieso verstummt. Fremde Klänge und so viele Eindrücke, dass ich kaum imstande bin die Teile der Messe wieder zu erkennen. Der Engel des Herrn, wie ich später erfahre. Und dann diese fremdartigen Klänge, dieses Trommeln und Singen, dieses Klatschen und Jodeln, dieses Schwingen und Bewegen der Körper, die Freude und Schreie, immer wieder und überall Jodeln, Klatschen, Schwingen, Singen. Ich bin hin- und weggerissen. Nicht einmal auf das innere Beten kann ich mich konzentrieren, so viele Eindrücke liefert mir diese Messe.
Ich schaue über die farbenprächtige Turbanlandschaft, freizügig offen stehende Zippverschlüsse, aufgeplatzte Nähte, Löcher, nicht repariert, ausgefranste Wollfäden eines Pullovers, weghängend, aber viel mehr lange afrikanische wunderschöne feine Gewänder, kahl geschorene Köpfe, einer wie der andere, die Schulkinder in ihren verschiedenen Uniformen rosa, mit weißen Krägen die Krankenschwesternschüler, grün die Trade School Schüler, blau die Primary Schulkinder. Schweißgeruch! In der Mitte der Chor und die Trommeln, aber auch ein Keyboard. Die Priester kommen herein …Jina la baba, la mwana in Swahili. Fremde Töne, fremde Sprache.
Endlos lange dauert jeder Teil der Messe. Was passiert jetzt? Namen werden genannt und Menschen gehen zum Altar, es sind die Namen der Ortsteile von Lugarawa, streets, etwa 10, 12. Sie stehen vorne am Altar mit Körben und dann beginnt eine Völkerwanderung. Alle 1000 Menschen marschieren im Gänsemarsch in zwei Reihen geordnet nach vor, bringen ihre Gaben, ihren Klingelbeutelbeitrag. Mittelreihe vor, Seite zurück. Endlos! Ich überlege wie viel ist wohl angemessen und erinnere mich daran, dass ich endlich meine großen Scheine wechseln muss!
Die Predigt! Sie dauert zwanzig Minuten. Ist hier ein Abraham a Santa Clara am Werk? Obwohl ich kein Wort verstehe, nehme ich Fr Jon als charismatischen, beherzten Prediger wahr. Sein Mienenspiel spricht Bände. Ob er da wohl auch etwas donnert? Mit Leib und Seele, Haut und Haar geht er in der Rede auf, eindringlich, appellierend, gewinnend, bisweilen donnernd, unmissverständlich, überzeugend!
2. Völkerwanderung zur Kommunion. Reihe für Reihe kniet vorne nieder am Altar. Schnell geht das. Der Ministrant mit der Tasse am Mund. Gedankenlos halte ich meine Hand hin und da legt mir Fr Jon meinen geliebten König hinein. Und in seiner Messe wird er das immer so halten.
Dioezese Njombe! Hier ist eine neue Priestergeneration mit einem ehrgeizigen, zukunftsorientierten Bischof am Werk. Hier hat man das Gefühl, die Entwicklungsarbeit geht in Riesenschritten voran. Es wird investiert, umgesetzt und gearbeitet, beinah wie in Europa. Das lockt einige reiche Laender sich zu engagieren: Italien, USA, Deutschland, Oesterreich.
Gäste aus Deutschland kommen zu uns in den Gutshof zum Essen. Das Ehepaar ist zurzeit im Gästehaus untergebracht ist, wo ich künftig wohnen werde. Die beiden vertreten eine deutsche Organisation, die Lugarawa immer wieder mit Mitteln verschiedenster Art versorgt, vor allem Schulmittel, Einrichtungsgegenstände, Overhead Projektoren, Schulbücher, aber auch Spitalsbedarf und Geld. Die Sachen werden eingeschifft und überstellt, gehen durch den Zoll und werden schließlich in Lastwagen hierher transportiert, ganze Container voll. Der Mann kommt um zu kontrollieren, ob die Geldmittel auch die richtige, ihnen zugedachte Verwendung finden.
Fr Jon erweist sich als gewandter Gastgeber: in Englisch konversierend, zuvorkommend, einfuehlsam, ihnen zugewandt!
Und er versucht seine Partner in Sachen Geld zu unterhalten, zufrieden zu stellen, auch wenn die harsche, herrische Art dieses Mannes ihm immer wieder das Gefühl vermittelt mit einem Sklaventreiber unterwegs zu sein, wie er mir später scherzend im Vertrauen mitteilt. Mit ihm zusammen fühle ich mich immer wie ein Sklave.
Wir fahren hinauf zur Behindertenwerkstätte, das deutsche Ehepaar hat mich eingeladen. Auch hier hat die deutsche Organisation investiert.
Die 15 Schützlinge empfangen uns mit Gesang und lautem Jodelgeschrei, eine Kunstfertigkeit der Zunge, die beeindruckt. Blitzesschnell schlägt und schnalzt die Zungenspitze hin und her und erzeugt einen schrillen lauten Jodellaut. Hei, das ist ein Singen und Tanzen! Sie wollen uns zeigen, dass wir willkommen sind, sich dankbar erweisen, die Menschen, die sie unterstützen, ihre Gönner ehren.
Die Gruppe stellt Ketten und Armbänder her. Material Tonerde, gebrannt zu kleinen Kügelchen, die sie auffädeln und mit einem Verschluss versehen. Orange, grau, schwarz, braun, naiv und doch geschmackvoll angeordnet, wunderschön. In Gedanken sehe ich die Ketten in einer italienischen Designerboutique an einer modisch angezogenen Schaufensterpuppe als Accessoire Hals und Handgelenk zieren. Sie führen uns ihr Handwerk vor und zuletzt bekomme ich ein Kette und zwei Armbänder geschenkt. Irgendwann werde ich wiederkommen und ihnen ihre Ware abkaufen. Zum Abschied singen sie uns ein Lied:
Sorry to say good bye.
Wir fahren zum Abendessen ins Gästehaus. Zum ersten Mal sehe ich mein neues Zuhause, das ich am Montag beziehen werde. Ja, angenehm, nett! Ich glaube, da kann ich mich wohl fühlen.
Zu Gast der Arzt, der Priester, die Schwester Oberin, das deutsche Ehepaar, ich. Wir tauschen unsere Ansichten zum Thema Malariaprophylaxe aus und konversieren wieder einmal in Deutsch. Wie lange ich schon hier bin? Ich wirke wie eine charmante Gastgeberin, 2 Monate etwa. Ich fühle mich geschmeichelt, nach einer Woche Afrikaaufenthalt. Ja, dieses Leben könnte mir gefallen!
Geduld Christina! Ich bewege mich zwischen Warten, Verehrung und Gefangenschaft.
Ich warte darauf, dass etwas geschieht. Ich warte darauf, dass jemand kommt. Nichts kann ich selbst veranlassen.
Schwester Can bewacht mich wie ein Kleinod; allein darf ich nicht hinaus des Nachts, aber auch tagsueber will man mich nicht so recht eigene Wege gehen lassen. Man will mich umsorgen und beschuetzen.
Ich werde verwoehnt wie eine Prinzessin! Von den Maegden mit Essen versorgt, bedient, beknickst, man laesst mich nichts tun. Ich gewoehne mich daran zu sitzen und zu warten, bis serviert ist, und alles stehen zu lassen, bis die Bediensteten es wegraeumen.
Dann versucht mich Sr Can wie eine gute Gesellschafterin zu unterhalten, versucht mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Was kann ich tun, dass sie gluecklich ist, Christina, unser Gast? Sie fuehrt mich hierhin, dorthin, zeigt mir dieses und jenes, umarmt mich, haelt mir die Haende, schenkt mir Geborgenheit, will mir Heimat in der Fremde geben. Oh, wo haette ich solche Zuwendung in meinen eigenen vier Waenden zu Hause?
Und doch ist es gerade dieses staendige Umsorgtsein, das ich als Einschraenkung meiner Freiheit empfinde. Ich kann nicht entscheiden, was ich tun will. Ich darf keinen Schritt alleine machen, werde immer beobachtet. Mein Tag wird eingeteilt, mein Zeitplan ist vorgegeben und Dinge, die ich mein Lebtag gemacht habe, sind mir auf einmal verwehrt.
Da wird es mir auf einmal so eng - und ich muss hinaus!
Hinaus - um zu mir zu finden, hinaus, um mich zu spueren.
Als sie alle fort sind, trete ich durch das Tor. Hinaus aus dem umzaeunten Garten, hinter die Mauer, die oben mit spitzen Glasscherben gesichert ist, um Diebe fernzuhalten.
Na, wie fuehlt sich das an? Ich komme mir ganz verwegen vor und doch auch ein Stueck weit unsicher.
Hinter dem Pfarrhof entdecke ich eine liebevoll angelegte Grotte mit einer Marienstatue, davor ein paar Steine zum Sitzen und ringsum ein Blumengarten. Ich gehe zur Madonna und verweile; auch hier im schwarzen Kontinent eine weisse Puppenmadonna, etwas, was wir zu Hause auch haben und da fuehle ich mich auf einmal geborgen in der Fremde da draussen und habe etwas erlebt, was mir gehoert.. Das koennte ein Lieblingsplaetzchen werden.
Schnell zurueck in den sicheren Hort. Fuer heute ist mein Freiheitsdrang gesaettigt!
Und wieder warte ich. Warte auf diese liebevollen zwei Menschen, die sich hier um mich kuemmern, fuer die ich so dankbar bin und durch deren Fuersorge ich mich doch eingeschraenkt fuehle. Verdammt Christina, was willst du eigentlich?
Erneut bin ich ans Haus gefesselt! Verurteilt zur Abhaengigkeit! So geht das nicht! So eingesperrt in den goldenen Kaefig! Wer mich kennt, der weiss, der Adler will fliegen!
Wieder wage ich mich allein hinaus, wage mich vor in den Ortskern, spaziere die Hauptstrasse mit den Geschaeften entlang. Die Geschaeftsleute mustern mich mit teils misstrauischen, teils reservierten, ja abweisenden Blicken. Undenkbar einzutreten in die Laeden und Bretterbudenstaende. Habe ich die Menschen Lugarawas doch noch nicht erobert?
Nein, nicht alle. So mutterseelenallein ohne den Schutz meiner einheimischen Bezugspersonen bin ich nun doch einer Palette unterschiedlichster Reaktionen auf mein Erscheinen ausgeliefert: Sensationslust, Misstrauen, Argwohn, Ablehnung, Gleichgueltigkeit, aber auch Herzlichkeit, Ehrerbietung und freundlicher Annahme.
Die Kinder laufen zusammen, starren mich unverhohlen an und schreien: Mzungu, Mzungu, Mzungu .... (Europaeer). Wohl manch ein Erwachsener stuerzt auf mich zu, erweist mir Ehrerbietung, fasst mich liebevoll an den Haenden, ja legt mir die Haende auf und segnet mich. Andere jedoch sind gleichgueltig, misstrauisch zurueckhaltend, ja abweisend oder gar feindselig. Erhobenen Hauptes gehe ich durch den Ort, gruessend, laechelnd, freundlich! Lass dich nicht unterkriegen Christina! Zeig es Ihnen!
Meine Angespanntheit weicht und ich spuere Erleichterung als ich durch den Ort durch bin.
Und weiter hinaus zieht es mich, die Landstrasse entlang! Ein Stueck Freiheit schnuppern und fuer Minuten spuere ich sie. Die Nase nach vorn, immer weiter, was kommt hinter dem naechsten Huegel? Ein neuer Huegel. Es hoert nicht auf. Endlos Huegelketten, sieben Berge, irgendwo so koennte man meinen, sei die Hoehle der Zwerge in Sicht.
Beim Rueckweg wage ich mich auf die kleinen ausgetretenen Pfade auf wildem Land und suche meinen Weg frei zum Pfarrhof zurueck. Mutig Christina!
Die Schwester schlaegt die Haende zusammen bei meiner Rueckkehr. Sie glaubt, sie hoert nicht recht! Wo warst du? Allein? Oh Christina! und umarmt mich.
Fr Jon tritt aus dem Dunkel der Nacht im Fussballdress, abgekaempft, verschwitzt, froehlich! Von Sr Cans Haenden werde ich nun in seine uebergeben. Vergnuegt fuehrt er mich hinauf in unsere Essgemaecher, zieht sich um, erscheint frisch geduscht im blauen Sportpullover zum Abendessen und ich verwandle mich in die Gutsherrin und zur strahlenden Prinzessin. Er zitiert heute eine ganze A4 Seite lang einen Text ueber Aloe Veraprodukte in deutscher Sprache, obwohl er gar nicht Deutsch kann und wir zerkugeln uns vor Lachen. Jeder Abend im Gutshof ein Fest!
Eine Riesenspinne, deren Aussehen an einen Skorpion erinnert, sitzt reglos auf dem kalten, von Rissen durchzogenen Gemaeuer meines Zimmers. Ob sie wohl giftig ist? Ich falte das Moskitonetz auf. Langsam wird es dunkel. Um zwanzig nach 6 versinkt die Sonne in den Huegelketten, um sieben Uhr ist es taeglich stockfinster. Ich zuende die Kerze an, denn der Strom ist noch nicht eingeschaltet.
Es ist Nacht. Ich hoere entsetzliche Schreie. Ich lausche angestrengt und beklommen ins Dunkel. Was passiert denn da? Es muss etwas Fuerchterliches sein. Sind das die Schreie eines Maedchens, das vergewaltigt wird?
Zwanzig, dreissig lang gezogene grelle Schreie dringen laut und ungehemmt durch die Nacht. Schier endlos erscheint es mir. Gehoert- und doch ungehoert! Keiner geht hin. Auch ich nicht! Ich, die Fremde schon gar nicht. Man laesst mich schon an normalen Abenden nicht allein in die Dunkelheit hinaus. Zu gefaehrlich, Christina! Geht das niemanden etwas an? Endlich ist es still. Es ist vorbei. Aber ist es denn vorbei? Liegt irgendwo jemand hilflos draussen?
Ich bemuehe mich erleichtert zu sein, dass es aufgehoert hat, moechte mir einreden, dass ich mich geirrt habe, moechte glauben, dass es blosse Einbildung war, dass es eine harmlose Erklaerung gibt - und weiss, dass nicht. Die Beklommenheit will ich mit Musik aus dem kleinen MP3 Spieler verscheuchen, aber sie will nicht weichen. Endlich schlafe ich ein.
Am naechsten Tag erzaehlt mir Fr Jon, dass ein Vater seine Tochter gezuechtigt hat, weil er sie nicht zu Hause vorgefunden hat. Das Maedchen hat nach der Tortur etwas eingenommen und wird nun im Spital gesund gepflegt.
Dunkler Kontinent, wildes Land!
Ich wohne im Pfarrhof, der eher ein Gutshof ist: Starkes, rotes Mauerwerk, vierkantiges, festungsaehnliches Herrenhaus mit einem grossen Garten. Obstbaeume, Bananen, Papayas, Gemuesegarten. Dort arbeiten schwatzend und lachend junge Burschen mit ihren Harken. Ein Huehnerhof, eingezaeunt, ein paar friedlich grunzende Schweine in ihrem Holzverschlag, unten die Tischlerei und die Autoreparaturwerkstaette, die Fischteiche und dazwischen ihr Herr, der Pfarrer, irgendetwas gebietend. Hier ein paar Befehle, dort ein paar Auftraege, da eine Anregung. Manager eines grossen Betriebes, businesman!
Und das ist, wie sich spaeter herausstellt, laengst nicht alles.
Herr dreier Kirchenbauten, Manager grosser Projekte, Schulbau, Anlegen eines riesigen Fischteiches um Geschaefte mit Fischverkauf zu machen, Einrichten eines Aids Waisenhauses, dazu eine riesige Pfarre und 19 Aussenstellen zur Betreuung.
Die Rolle eines Priesters hier ist grundlegend verschieden von dem was wir in Europa kennen. Und wie mir scheint sind es die besten Koepfe des Landes, die hier echte Entwicklungsarbeit leisten.
Man hat es nicht eilig mich zum Unterrichten zu schicken. Die erste Woche ist fuer mich schulfrei. Ich soll erst einmal Fuss fassen, mich umstellen und mich langsam eingewoehnen.
"Die Europaer haben die Uhren, und wir haben die Zeit!" meint Fr Jon. Und ich weisse Frau aus dem Uhren-Kontinent, wo die Hektik, der Stress und der Herzinfarkt zu Hause sind, wo es jeder eilig hat und keine Zeit und der Terminkalender den Tag und so manche Freundschaft bestimmt, bekomme nun diese Zeit geschenkt!
Dafuer bin ich dankbar! Das Tempo Afrikas ist liebevoll, mir ganz angemessen, es gibt Gelegenheit zum Verweilen und zum Plaudern mit Menschen. Und mein Eintreten in die schwarze Welt ist so nicht wie ein Stoss in das kalte Wasser, sondern gibt mir Musse langsam einzutauchen in die neue Umgebung. So werde ich wohl auch nicht gleich untergehen.
Fr Jon und Sr Can gehen am Beginn der Woche freilich wieder ihren Beschaeftigungen nach, und so bleibe ich allein und mir selbst ueberlassen. Zu den Mahlzeiten werden wir uns wieder treffen, mittags um 13 Uhr und abends um 19 Uhr, also um 7 und 1 Uhr hiesiger Zeit, denn die Stunden werden hier von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gezaehlt. Um 7 Uhr morgens GMT ist die erste Stunde vorbei, dann ist es 1 Uhr, um 12 Uhr mittags ist es 6 und um 18 Uhr abends ist es 12 Uhr. Der Tag ist um. Die Sonne geht unter.
Ich habe den ganzen Tag nichts zu tun. Wie die Zeit fuellen, bis die Menschen, denen ich anvertraut bin, wiederkommen?
Fernsehen geht nicht, Musik hoeren oder am Computer arbeiten auch nicht, es geht gar nichts, wozu man elektrischen Strom braucht, denn diesen gibt es nur nachts in der Trockenzeit. Er wird mit Hilfe eines kleinen Wasserkraftwerkes mit einer Spezialturbine uebrigens aus Oesterreich erzeugt. Und das ist Glueck fuer Lugarawa, denn rundum in den Ortschaften gibt es auch das nicht. Die Menschen muessen sich mit Oellampen behelfen. Kein Wunder, dass in den langen Naechten so manches Baby gemacht wird.
Buch habe ich keines mitgenommen. Gerade noch ein Buechlein mit meditativen Texten habe ich in Dar es Salaam ergattert. Freunde kontaktieren steht nicht zur Debatte. Handyempfang gibt es keinen. Und hier kenne ich noch niemand. Und da gibt es ausserdem die Sprachbarriere.
Endlich Haare waschen, aber dazu muss ich zu den Maegden in die schwarze Rauchkueche gehen und sie darum bitten, mir auf dem Herdfeuer etwas Wasser zu waermen.
Ich gehe hinaus in den Garten und geniesse den angenehm warmen, taeglich wiederkehrenden Sonnenschein. So um die 22 - 25 Grad. Ein herrliches Klima!
Und dort richte ich mir einen Stuhl her und fuelle die Zeit mit Swahili lernen. Die Lehrbuecher, die ich mir in Melbourne gekauft habe, tun jetzt grossartige Dienste. Swahili - Englisch, Englisch - Swahili.
Father Jon hat mich gebeten vor die Gemeinde zu treten bei der Sonntagsmesse und mich vorzustellen. 1000 bunte schwarze Menschen beaeugen mich neugierig. Was will sie hier, die weisse Frau? Am Ende der Messe ruft er mich auf, nach vorne zu teten. Wir stehen beide am Mikrofon. Ich stelle mich in Englisch vor, er uebersetzt. Ich sage, warum ich hier bin: Lehren wolle ich, Englisch Unterricht geben, vom Bischof sei ich gesendet, bitte darum, dass sie mich aufnehmen, zumindest sein lassen in ihrer Mitte, sage, dass ich als Freund komme und nicht nur als Lehrer, sondern auch als Schueler. Wir sprechen beide mit Charme, dreimal Applaus. Da nehme ich ein Bad in der Menge!
Und das auch, als ich spaeter nach draussen gehe. Zwischen roter Erde und schwarzen Kraeuselkoepfen, auf holprigen Wegen
wandle ich wie eine Prinzessin. Schwester Can half mir den Sarong anzulegen, knoechellang, erdtonfarben, mit schwarzen Krokodilen bedruckt. Jetzt bin ich so richtig schoen in ihren Augen, so schoen wie die Menschen Afrikas, die mir begegnen.
Frauen, aufrecht schreitend, in langen bunten Gewaendern, einen Turban oder eine Last auf ihrem Kopf tragend, aber auch Kinder mit den langen Holzaesten fuer das Feuerholz, Buben mit einem Knaeuel Papierfetzen Fussball spielend, Maenner in zerschlissenen oder schoenen Anzuegen. Jambo Christina!
Jetzt bin ich sicher, mit dem Segen der Kirche, jetzt darf ich hier sein, mich frei bewegen. Karibu sana, Christina! Willkommen Christina! Bisweilen ein Knicks, der Gruss Shikamoo, die Ehrerbietung an jemand hoeher gestellten. Hier bist du jemand als Lehrer, als Gast. Aber richtig musst du es machen! Wer dennoch verschlossen bleiben will, den gruesse ich freundlich. Hujambo! Habari za asubuhi? - Gruess Gott! Wie geht es heute Morgen? Dann kommt ein Laecheln und ein ueberraschter Gruss. Geoeffnet!
Nach etwa zwei Stunden Fahrt taucht mein neuer Wohnort, Lugarawa vor mir auf, eine weitlaeufig verstreute Ansiedlung von Haeusern, das Zentrum mit dem Spital und dem Kloster der benediktinischen Nonnen,den Gaestehaeusern und den Schulen in der Talsohle gelegen, die Kirche und der Pfarrhof etwas weiter oben auf dem Huegel, der Ort umrahmt von sanften Huegelketten. Weit in die Haenge hinein ziehen sich die kleinen huettenaehnlichen Ziegelhaeuser ihrer Bewohner. Der Boden hier liefert das ideale Rohmaterial zum Brennen von Ziegeln, dennoch hin und wieder, vereinzelt rot, strohgedeckte Lehmhuetten.
Wir fahren die Anhoehe zur Kirche und zum Pfarrhof hinauf, der sich hier inmitten der kleinen Haeuser eher wie ein Gutshof ausnimmt. Es ist ein vierkantiges, eher kaltes, altes Herrenhaus aus roten Backsteinziegeln umgeben von einem weitlaeufigen Garten. Hier werde ich vorerst wohnen, bis das Gaestehaus frei ist.
Schon im Garten nimmt mich Sr. Can liebevoll in Empfang. Sie kost und herzt mich und haengt mir als Willkommensgruss eine gelbgruen schillernde Girlande um, was hierzulande Brauch ist.
Karibu! Herzlich willkommen! sagt sie immer wieder und drueckt mich warm und liebevoll an ihr Herz.
Liebevoll hat sie auch mein Zimmer hergerichtet. Zwei grosse bunt bluehende Blumenstoecke rechts und links neben der Tuer weisen mir den Weg in meine Kammer, an der Tuer aussen die Nummer 4. Das karge Innere, ein Bett, ein Tisch, ein Kasten und ein Schrank aus schwerem altem Holz, hat sie mit weissen Tuechern geschmueckt. Auf dem Tisch ein Blumenstrauss, afrikanische Lilien, die Bettlaken aus der eigenen Mitgift.
Oben im ersten Stock im grossen Esszimmer nehmen wir meine erste Mahlzeit in der neuen Heimat ein. Fr Jon, der Herr des Hauses, Fr Even, sein Freund, Pfarrer der Nachbarpfarre, Fr. George, der Hilfspfarrer, Sr Can und meine Wenigkeit, ich, Kristina, so wie ich hier von Anfang an genannt werde.
Ich bin wirklich in einer Maerchenwelt angekommen. Der Tisch ist gedeckt. Schweigend und knicksend servieren die Maedchen den Herrschaften, was die Koechinnen an der Feuerstelle in der schwarzen, verrussten Kueche Gutes vorbereitet haben: Reis, Kartoffeln, ein paar Stuecke Schweinefleisch in roetlicher Bratensauce, Ugali, ein Laib aufgekochter fester Maisbrei mit dem Aussehen eines Strudelteigs vor dem Rastenlassen, und die gruenen gekochten Bitterkraeuter, alles in eigenen stahlfarbenen Toepfen. Dazu gibt es Bier, die Sorten Safari oder Kilimandscharo zur Auswahl, Coca Cola oder Fanta. Als Nachspeise Papayas und die kleinen Bananen. Es schmeckt vorzueglich!
Vorzueglich weiss auch der Gastgeber, Fr. Jon seine Gaeste zu unterhalten. Sofort ist er Mittelpunkt der Tischgesellschaft. Gleichwohl mit Witz und mit Charme weiss er zu erzaehlen, oder auch mit interessiertem Verstaendnis zuzuhoeren, wie es die Gegebenheiten gerade verlangen. Seine Rede ist voll Begeisterung und Lebenslust. Der Schalk in seinen Augen sprueht Funken. Unweigerlich zieht er seine Zuhoerer in sein Bann und bringt uns mit seinen Spaessen allesamt zu herzlichem Lachen. Ein Meister der Unterhaltung!
Wir fahren die staubige Strasse von Njombe nach Lugarawa. Zu fuenft im Jeep, hinten drei Mitfahrer und Berge von Gepaeck, ich vorne am Beifahrersitz neben F.Jon, in dessen Fittichen ich nun gelandet bin.
Ich versuche die warme Geborgenheit, die Fr Peter mir vermittelte loszulassen und stelle mich neu ein. Noch weiss ich nicht, was auf mich zukommt, doch jetzt ist es zu spaet um letzte Skrupel zu naehren. Risikobereitschaft ist nun gefordert!
Also: Auf in das Neue, das Unbekannte, das Abenteuer! Ein Stueck Ausgeliefert sein an Fremdes ertragen, ein Stueck Unsicherheit und Mangel an Geborgenheit aushalten. Einfach alles loslassen, sich aussetzen und offen sein fuer das, was kommt. Ich nehme volles Risiko und bin bereit bis ans Ende der Welt zu fahren.
Wir lassen das letzte Stueck Asphalt hinter uns und dann geht es hinein ins Bergland. Bergauf, bergab, auf wilden, holprigen Wegen, staubig und voller Schlagloecher und in ausgefurchten Spuren von Rinnsalen der Regenzeit, eine maechtige Staubwolke hinter uns herziehend.
Zweimal halten wir an und laden Waren zu, drei Saecke Kartoffeln hier, eine Kiste Bier dort und die weisse Mzungu wird ueberall beaeugt, ja unverhohlen angestarrt, bestaunt oder gar belustigt wie eine Sensation betrachtet.
Obwohl mir schien der Jeep sei schon voll beladen, steigt noch jemand zu und nutzt die Fahrt in den Hauptort. Und auch die Schwester vom naechsten Ort hat noch Platz. Ob sie wohl meinen, dass da noch jemand hineinpasst?
Eine Huegelkette folgt der anderen, mir scheint wirklich, wir fahren in ein Maerchenland "hinter die sieben Berge". Mein Handy hoert zu funktionieren auf, ja wir rattern zurueck in die Vergangenheit.
Um 11 Uhr nachts kommen wir wohlbehalten und nach angeregt gefuehrter Unterhaltung guter Dinge bei der Bischofsresidenz in Njombe an. Father Peter war so entgegenkommend waehrend der Fahrt und hat viele Unsicherheiten weggefegt und Unklarheiten ausgeraeumt. Dennoch, immer naeher kommen wir dem Einsatzgebiet. Es wird ernst!
Ich beziehe ein recht nettes Zimmer im Haus des Bischofs, sogar mit Dusche und Klo. Wie diese funktioniert, kriege ich aber beim besten Willen nicht heraus. Froh bin ich, als ich auf dem Tisch ein Sortiment an Getraenken vorfinde, darunter
Mineralwasser in abgefuellten Flaschen und vorzuegliches Bier. Das schmeckt und laesst mich zusammen mit heimatlicher Musik aus dem MP3-Player in meine neue Welt entschlummern.
Fruehstueck im Wohnzimmer des Bischofs mit Father Peter.
Vorzueglich! Es gibt sogar deutsche Wurst und Kaese, Spuren der deutschen Benediktiner ueberall.
Dann der Besuch einer bayrischen Entwicklungshelferin und eines deutschen Maedchens. Die meinen zum Father: So wie die hier auftritt, die packt das schon!
Draussen im Hof kommt ein junger Mann auf mich zu, begruesst mich herzlich und meint, ich muesste Christina sein. So lerne ich F. Jonathan kennen, in dessen Obhut ich mich nun bald begeben werde und dessen Pfarre mein neues Einsatzgebiet ist.
Er zeigt mir Njombe und ich habe wirklich das Gefuehl, ich brauche seinen Schutz in dieser fremden, schwarzen Welt voll Bretterbuden, Staub und misstrauischen Blicken.
F. Peter faehrt mit mir in ein Internetzentrum, kaum zu glauben, dass hier ein Hauch 21. Jh. Einzug gehalten hat.
Feierlich und gut sind die Mahlzeiten im Bischofshaus. Zum Abendessen kehrt der ortsansaessige Bischof mit vier anderen von einem Meeting zurueck und ich habe die Ehre nach dem Mahl mit ihnen in ihrem privaten Wohnzimmer zu sitzen, eine hoechst ehrwuerdige Angelegenheit.
Am naechsten Morgen erhalte ich eine Audienz beim Bischof, dem ich mich vorstelle und mein Gastgeschenk ueberreiche.
Und nun kann die letzte Etappe des Anfahrtsweges beginnen.
F. Jonathans weisser Allradjeep steht bereit, ebenso einige Leute, die mitfahren, aber auch Waren aller Art.
F. Peter habe ich zu meinem Schutzengel auserkoren und ihn verlasse ich nun mit dem Gefuehl Onkel Tom aus dem gleichnamigen Roman begegnet zu sein.